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Synthese: Momentum, Trend Following und Elliott Waves

Drei Konzepte, die dasselbe Phänomen auf unterschiedlichen Ebenen beschreiben: Märkte bewegen sich in anhaltenden, strukturierten Schüben — und das ist exploitable.

Die Grundthese

trend_following_prinzip, dual_momentum und elliott_wave_grundstruktur sind keine konkurrierenden Ansätze. Sie sind drei verschiedene Linsen auf dasselbe Marktphänomen:

Märkte tendieren dazu, Bewegungen fortzusetzen, bis eine strukturelle Ursache sie beendet.

Covel nennt es "positive Skewness". Antonacci nennt es "Momentum-Anomalie". Prechter nennt es "Welle 3 ist die stärkste". Es ist dasselbe.

Vergleich: Drei Linsen

Dimension Trend Following (Covel/Clenow/Dennis) Dual Momentum (Antonacci) Elliott Waves (Prechter/Poser)
Signal Preisausbruch / ATR-Breakout 12-Monats-Relativstärke vs. T-Bills Wellenstruktur + Fibonacci-Ziele
Zeitrahmen Täglich / Wöchentlich Monatlich Variabel (fraktal)
Universum Diversifizierte Futures (alle Asset-Klassen) 3 Indizes (US/Non-US/Bonds) Beliebig (fraktale Struktur)
Entry-Prinzip Trendbestätigung durch Preis (kein Forecast) Relative + Absolute Stärke (kein Forecast) Strukturprognose (W3-Beginn)
Exit-Prinzip Trailing Stop / Trendbruch Monatliches Rebalancing Wellen-Ende (Fibonacci-Extension)
Stärke Outlier-Gewinne in starken Trends Crash-Schutz durch Absolute Momentum Präzise Entry/Exit-Zonen
Schwäche Häufige kleine Verluste in Range-Bound Einfach / wenige Instrumente Subjektiv, Alternativzählungen
Philosophie Anti-Forecast: Preis ist alles Regelbasiert, akademisch belegt Strukturelles Marktverständnis

Wo sie sich überlappen

1. Momentum = Welle 3

Antonaccis Absolute Momentum misst: Ist das Asset stärker als T-Bills? Das entspricht der Frage: Befindet sich das Asset in einer impulsiven Aufwärtsbewegung?

Elliott-Welle-3 ist die stärkste, ausgedehnteste Welle — sie entsteht genau dann, wenn Momentum maximal ist. Ein Asset mit stark positivem Absolute Momentum befindet sich sehr wahrscheinlich in einer Welle 3 oder dem frühen Teil einer Welle 5.

Praktische Verbindung: Antonaccis Signal (positives 12-Monats-Excess-Return) kann als Bestätigung einer Elliott-Wellen-Zählung dienen: Wenn Absolute Momentum positiv und die Struktur zeigt Welle 3 → doppelt bestätigter Trade.

2. Turtle-Breakout = Welle 1 oder Welle 3-Beginn

Dennis/Eckhardts S1-System (20-Tage-Ausbruch) kauft genau dann, wenn der Preis ein Mehrwochen-Hoch durchbricht. In Elliott-Wellen-Sprache: Das ist der Moment, in dem Welle 1 oder Welle 3 die vorangegangene Konsolidierung verlässt.

Das Turtle-System hat keine EW-Zählung — aber es handelt strukturell exakt den EW-Breakout. Der 20-Tage-Kanal ist ein technischer Proxy für "das Marktgefüge hat sich verändert".

3. Clenow's ATR-Trailing-Stop = Wellenende-Erkennung

managed_futures_diversifikation: Clenow schließt Positionen bei 3-ATR-Rückgang vom Hochpunkt. Elliott-Wellen-Theorie würde sagen: Ein Rückgang über 3 ATR nach einem Hochpunkt deutet auf Wellenwechsel hin (W3 → W4 oder W5 abgeschlossen).

Beide Methoden messen dasselbe: signifikante Entfernung vom Extrempunkt als Indikator für Trendende.

Wo sie sich unterscheiden (und das ist wichtig)

Forecast vs. Follow

Trend Following und Dual Momentum sind reactive — sie handeln erst nach Bestätigung. Elliott Waves sind predictive — sie projizieren zukünftige Kursziele (Fibonacci-Extensions).

Das hat praktische Konsequenzen: - TF/Momentum: Späterer Entry, aber ohne Forecast-Risiko. Das System verpasst die ersten 20-30% eines Trends, hält aber bis zum Ende. - Elliott Waves: Früherer Entry möglich (Welle-1-Ende / Welle-3-Beginn), aber Gefahr von Fehlzählungen. elliott_alternativzählung ist die Antwort auf Fehlzählung-Risiko.

Zeitrahmen-Hierarchie

Elliott Waves sind fraktal (fraktale_marktstruktur): Eine Welle 3 auf Wochenbasis enthält fünf Wellen auf Tagesbasis. Das bedeutet: Dual Momentum (monatlich positiv) → könnte Elliott Welle 3 im Wochenrahmen sein → enthält Trend-Following-Trades auf Tages-/Stundenebene.

Das ist die multi-timeframe Hierarchie:

Dual Momentum (monatlich) = Makro-Filter (Asset-Klasse bullish?)
    └── Elliott Waves (wöchentlich) = Strukturelle Orientierung (Wo in der Welle?)
            └── Trend Following / Turtle (täglich) = Entry-Trigger und Stop-Management

Praktische Anwendung: Ein kombinierter Ansatz

Schritt 1 — Makro-Filter (Dual Momentum): Prüfe monatlich: Hat der Asset positives Absolute Momentum (12-Monats-Return > T-Bills)? - NEIN → Kein Long-Trade, egal was die anderen Signale sagen - JA → Weiter zu Schritt 2

Schritt 2 — Strukturelle Einordnung (Elliott Waves): Wo befindet sich der Asset in der Wellenstruktur? - Welle 1 abgeschlossen (W2-Korrektur läuft) → Warte auf W3-Breakout - Welle 3 läuft → Aggressive Positionsgröße, weiter Stop - Welle 4 Korrektur → Kein neuer Entry (W4 ist unberechenbar) - Welle 5 läuft → Vorsicht: Ende nahe, Stop nachziehen

Schritt 3 — Entry-Trigger (Trend Following / Turtle): Konkrete Einstiegssignale: - 20-Tage-Ausbruch (S1-System) → Entry - ATR-basiertes Sizing (turtle_trading_system: N=ATR, 1% Risiko/Unit) - Stop: 2N unter Entry (Dennis) oder 3-ATR Trailing (Clenow)

Schritt 4 — Exit-Hierarchie: - Sofort-Exit wenn Dual Momentum negativ (Makro-Signal dreht) - Stop-Loss bei 2N/3-ATR Verletzung (Trend Following) - Elliott-Waves: Fibonacci-Target als partielle Gewinnmitnahme (50-75% der Position)

Die verbindende Erkenntnis

Die drei Ansätze sind komplementär, nicht konkurrierend:

  • Dual Momentum: beantwortet "Welchen Asset?" und "Ist es jetzt sicher, long zu sein?"
  • Elliott Waves: beantwortet "Wo im Zyklus sind wir?" und "Wie weit könnte es gehen?"
  • Trend Following: beantwortet "Wann genau einsteigen?" und "Wie eng der Stop?"

Kein einzelner Ansatz hat alle drei Antworten. Kombiniert decken sie das vollständige Entscheidungsset ab.

Grenzen dieser Synthese

  • Overfitting-Gefahr: Mehr Bedingungen = mehr Parameter = mehr Curve-Fitting-Risiko (robustness_obsession). Die Kombinationsregeln müssen einfach bleiben.
  • Seltene Elliott-Konfluenz: Echte W3-Signale sind selten — die meisten Trend-Following-Trades werden ohne EW-Bestätigung laufen müssen.
  • Zeitaufwand: EW-Analyse ist zeitintensiv; für systematische Ansätze (Antonacci, Clenow) gilt: weniger ist mehr. Diese Synthese ist eher für diskretionäre Trades mit systematischem Rahmen geeignet.