Zum Inhalt

Turtle Trading System

"Use channel breakout theory with a couple of filters. Size your bet by volatility. Have two hard stops on every trade. That's what saved everybody." — Erle Keefer (Turtle)

Überblick

Das Turtle Trading System ist die konkrete, historisch bewährte Implementierung von Trend Following. Entwickelt von Richard Dennis und Bill Eckhardt (1983), verwaltet von 23 ausgebildeten Tradern über 5 Jahre mit ~$175 Millionen Gewinn.

Das System hat drei Kernkomponenten: Einstieg (Kanal-Ausbruch), Sizing (ATR-normiert), Austritt (Trailing Kanal).

System 1 (S1) — Kurzfristig

Entry: 20-Tage-Kanal-Ausbruch - Long: aktueller Preis ist das 20-Tage-Hoch → Einstieg am nächsten Tag - Short: aktueller Preis ist das 20-Tage-Tief → Short-Einstieg

Filter: S1-Signal ignorieren, wenn das letzte S1-Signal ein Gewinner war (auch wenn nicht ausgeführt). Ziel: frühe Fehlausbrüche vermeiden.

Failsafe: Wenn S1 durch Filter ignoriert wird und der Markt weiter trendet: S2-Entry als Notausstieg.

Exit: 10-Tage-Kanal in Gegenrichtung (2-Wochen-Reversal).

System 2 (S2) — Langfristig

Entry: 55-Tage-Kanal-Ausbruch (11-Wochen-Hoch/Tief).
Exit: 20-Tage-Kanal in Gegenrichtung.

System 2 ist das Haupt-Trend-Capturing-System. Kein Filter. Wenn S1 gefiltert wurde und der Trend sich mit S2 bestätigt, immer einsteigen.

N = Average True Range (ATR)

N = 20-Tage gleitender Durchschnitt der True Range

True Range = max(High − Low, |Close_prev − High|, |Close_prev − Low|)

N misst die "normale tägliche Schwankung" eines Marktes. Alle Sizing- und Stop-Entscheidungen sind in N-Einheiten ausgedrückt.

Position Sizing (Units)

1 Unit = Positionsgröße, bei der ein Tagesbewegung von N = 1% des Account-Wertes ausmacht.

Units = floor(Account × 0.01 / (N × DollarPerPoint))

Beispiel: Account $1M, N = 12 Cents (Weizen), Point Value = $50: Units = floor($1,000,000 × 0.01 / (0.12 × $50)) = floor($10,000 / $6) = 1,666 Bushel = ~33 Kontrakte

Limits: - Max. 4 Units pro Markt - Max. 6-10 Units pro korrelierender Markt-Gruppe - Max. 12 Units Gesamt-Direction (Long oder Short)

Pyramiding

Beim Einstieg: 1 Unit. Bei jeder 0.5N-Bewegung in Gewinnrichtung: 1 weitere Unit (bis max. 4). Stops werden bei jeder neuen Unit auf 2N unter dem letzten Entry angepasst.

Konsequenz: Die Position baut sich organisch mit dem Trend auf. Frühe Entries mit 1 Unit, spätere mit 4 Units — aber alle mit demselben 2N Stop-Schutz.

Stop Loss

Harter Stop: 2N vom Einstiegspreis. Trailing Stop: S1-Exit (10-Tage) oder S2-Exit (20-Tage) in Gegenrichtung.

Beim Pyramiding: Der Stop für alle Units wird auf 2N unter dem zuletzt hinzugefügten Entry gesetzt. Frühzeitige Units haben damit engere effektive Stops.

Warum es funktioniert

Die spezifischen Werte (20, 55, 10, 20 Tage) sind arbiträr. Robustheit entscheidet: - "Wenn ein Parameter-Wechsel um 1 Tag das Ergebnis drastisch ändert, habe ich ein Problem." (Jerry Parker) - Eckhardt: "Pure price systems are close enough to the North Pole that any departure tends to bring you farther south."

Das System gewinnt, weil es konsequent alle Breakouts nimmt (7 von 10 sind Verlierer), aber die 3 Gewinner über hunderte von Tagen hält. Die Mathematik des Trend Following: kleiner Erwartungswert, aber positives Skewness-Profil.

Abgrenzung zu Clenow

Clenow's managed_futures_diversifikation implementiert dieselben Kernprinzipien (ATR-Sizing, Trailing Stop), aber mit leichten Variationen: - Clenow: floor(Equity × 0.002 / (ATR × PointValue)) = 0.2% pro ATR vs. Turtle's 1% pro N - Clenow: 3-ATR Trailing Stop vs. Turtle's 20-Tage-Kanal-Exit

Beide sind valide Implementierungen desselben Trend-Following-Prinzips.