Synthese: Volatilität und Stop-Loss¶
Volatilität und Stop-Loss sind keine getrennten Konzepte. Der Stop ist die Anwendung der Volatilität. Wer den Stop ohne Volatilitätsbezug setzt, setzt ihn falsch.
Die Kernthese¶
Alle großen Quellen im Wiki konvergieren auf denselben Grundgedanken:
Ein Stop-Loss ohne Volatilitätsbezug ist kein Risikomanagement — es ist Glücksspiel mit fester Grenze.
Ein Dollar-Stop ($500 pro Trade) sieht identisch aus für einen DAX-Future mit 200 Punkten Tagesrange und für einen Anleihen-Future mit 20 Punkten Tagesrange. Das Risiko ist strukturell verschieden — aber der Stop tut so, als wäre es dasselbe.
Volatilitätsnormierter Stop löst das Problem: Der Stop passt sich dem Markt an, nicht das Konto passt sich dem Stop an.
Fünf Quellen, eine Logik¶
| Quelle | Volatilitätsmaß | Stop-Formel |
|---|---|---|
| Dennis / Turtle | N = ATR(20) | 2N unter Entry |
| Clenow / Managed Futures | ATR(20) | 3-ATR Trailing vom Hochpunkt |
| Tomasini / MAE | % des Underlying | MAE-Schwelle aus Trade-Verteilung |
| Tharp / R-Multiple | R = initiales Risiko | Stop bei Hypothesen-Falsifikation, Größe = f(Volatilität) |
| Chan / Kelly | s² = Rendite-Varianz | f* = m/s² — höhere Vola → kleinere Position |
Alle fünf messen Volatilität unterschiedlich (ATR, %, Varianz, R) — aber alle setzen den Stop als Funktion der Volatilität.
Das Untrennbare Dreieck¶
Die drei Größen sind algebraisch verbunden:
Turtle-Implementierung:
N = ATR(20) ← Volatilitätsmaß
Stop = 2N ← Stop-Distanz
Unit = 1% Konto / (N × Kontraktwert) ← Positionsgröße
Wenn N steigt (Markt wird volatiler) → Stop weiter → kleinere Unit. Automatische Positionsreduktion in turbulenten Märkten — ohne eine bewusste Entscheidung zu treffen.
Die vier Stop-Typen und ihr Volatilitätsbezug¶
1. Initialer Stop (Entry-Stop)¶
Setzt die maximale Verlustbereitschaft für diesen Trade.
- Turtle: 2N unter Entry — "der Markt darf sich 2 ATR gegen mich bewegen"
- Tomasini/MAE: Stop aus der historischen MAE-Verteilung — "Trades, die weiter als X% adversely gehen, verlieren statistisch gesehen"
- O'Shea/Drawdown: Stop dort, wo die Trade-Hypothese falsifiziert ist — drawdown_management
Prinzip: Der initiale Stop definiert R. Alles andere skaliert von R.
2. Trailing Stop (Gewinnmitnahme und Schutz)¶
Bewegt sich mit dem Preis — sichert Gewinne.
- Clenow: 3-ATR Trailing vom letzten Hochpunkt
- Dennis/Turtle: S1-Exit bei 10-Tage-Tief (für S1-Positionen)
- Tomasini/MFE: Profit-Target aus MFE-Verteilung (80. Perzentil)
Prinzip: Der Trailing Stop lässt Gewinne laufen, aber hält sie fest, sobald der Trend dreht.
3. Volatilitäts-Breakeven-Stop¶
Stop auf Einstandspreis sobald Trade X ATR im Plus ist.
Beispiel: Wenn Trade 1.5N im Plus ist → Stop auf Break-Even. Kein Verlust mehr möglich, Position läuft weiter. Kombiniert das Beste aus initialem und Trailing Stop.
4. Time-Stop¶
Position wird nach X Perioden geschlossen, falls sie weder Stop noch Ziel erreicht hat.
Besonders relevant bei Tomasini's MAE-Analyse: Wenn ein Trade viel Zeit braucht und keinen klaren Fortschritt zeigt, bindet er Kapital ohne positive Expectancy.
Volatilität als Positionsgrößen-Steuerer¶
Kelly-Kriterium formalisiert es mathematisch: kelly_kriterium
Wenn s² (Varianz = Volatilität²) steigt, fällt f* proportional. Das bedeutet: bei doppelter Volatilität → halbe Positionsgröße, damit dasselbe Risikobudget eingehalten wird.
Praktische Folge aus r_multiple_sqn: R = initialer Stop in Dollar. Position = X% Konto / R. - R steigt wenn Volatilität steigt (weiterer Stop nötig) - Position sinkt automatisch - Das Konto-Risiko bleibt konstant bei X%
Die Häufigste Fehler¶
Fehler 1 — Fester Dollar-Stop unabhängig von Volatilität: $500 Stop auf DAX (Tagesrange 500 Punkte = $5.000) → Stop liegt bei 10% der normalen Bewegung. Jeder kurzfristige Rücksetzer löst den Stop aus. Die Position hat keine Luft zum Atmen.
Fehler 2 — Stop zu eng nach starkem Anstieg: Wenn ATR gerade eingebrochen ist (ruhiger Markt), verleitet das zu engen Stops. Dann bricht Volatilität wieder aus → Stop wird sofort ausgelöst. Clenow: Trailing Stop in ATR-Units schützt dagegen, weil sich der Stop mit ATR anpasst.
Fehler 3 — Stop zu weit, Position zu groß: Weiter Stop = höheres R = kleinere Position nötig. Wenn man trotzdem volle Position hält, überschreitet man das Risikobudget. Tomasini: −38% Gewinnreduktion durch Transaktionskosten. Stop-Fehler vernichten mehr als TC.
Die Verbindung zu Robustheit¶
robustness_obsession + walk_forward_analyse: Stop-Parameter müssen über ein breites Band stabil sein.
Pardo: Eine robuste Strategie ist profitable über "eine breite Palette zusammenhängender Parameter". Das gilt auch für Stop-Parameter: wenn eine Strategie nur bei exakt 2.0N funktioniert aber nicht bei 1.8N oder 2.2N, ist die Stop-Wahl kein Edge — es ist Curve-Fitting.
Test: Ändere den ATR-Multiplikator von 1.5N bis 3.0N. Wenn die Equity-Kurve über das gesamte Band profitabel und ähnlich bleibt → robuster Stop. Wenn nur ein kleines Fenster funktioniert → überfit.
Praktisches Entscheidungsschema¶
1. Volatilität messen
└── ATR(20) für Futures/FX
└── Historische Volatilität (σ, 20 Tage) für Aktien
└── MAE-Verteilung aus Backtest-Daten (Tomasini)
2. Stop-Distanz ableiten
└── Initial: 2N (Turtle) / 3N (Clenow konservativ) / MAE-Schwelle
└── Trailing: 3-ATR vom Hochpunkt (Clenow)
└── Hypothesen-Stop: Niveau wo Trade-Idee falsch ist (O'Shea)
3. Positionsgröße berechnen
└── Units = 1%-Risiko / (Stop-Distanz × Kontraktwert)
└── Nie mehr als Half-Kelly (Chan)
4. Robustheit prüfen
└── Funktioniert die Strategie mit Stop-Multiplikator ±30%?
└── Wenn nein: Stop-Parameter ist Curve-Fitting
Links¶
- mae_mfe_exits — Tomasini: statistisch abgeleitete Stop-Platzierung
- turtle_trading_system — Dennis: N=ATR als Stop-Standard, 2N als Distanz
- managed_futures_diversifikation — Clenow: 3-ATR Trailing Stop
- kelly_kriterium — Chan: Volatilität im Nenner → höhere Vola = kleinere Position
- r_multiple_sqn — Tharp: R als universeller Risikobetrag — volatilitätsabhängig
- drawdown_management — Schwager/O'Shea: Stop bei Hypothesen-Falsifikation
- robustness_obsession — Pardo: Stop-Parameter müssen über breites Band stabil sein
- walk_forward_analyse — OOS-Test für Stop-Parameter-Robustheit
- portfolio_risiko — Topic
- quantitative_finance — Topic