Kelly Criterion¶
Mathematisch optimale Leverage-Allokation für eine Handelsstrategie, die den langfristigen Compounding-Wachstum maximiert. Abgeleitet aus Informationstheorie (Claude Shannon / John L. Kelly Jr., 1956).
Die Formel¶
Einfacher Fall (eine Strategie):
f* = m / s²
Wobei: m = erwartete Rendite der Strategie, s² = Varianz der Rendite. Das Ergebnis f* ist der optimale Leverage-Faktor.
Mehrere Strategien (Portfolio):
F* = C⁻¹ × M
Wobei: C = Kovarianzmatrix der Strategie-Renditen, M = Vektor der erwarteten Renditen. Kovarianzmatrix-Inversion ist rechnerisch aufwändig, aber notwendig für korrelierte Strategien.
Warum Leverage maximieren?¶
Chan zitiert den zentralen Insight: Langfristigen Wealth maximieren ist äquivalent zu langfristigen Compounded Growth maximieren. Für einen geometrischen Random Walk gilt:
g ≈ m - s²/2
Das bedeutet: Selbst bei Nulldrift (m = 0) verliert ein ungehebeltes Portfolio durch die Varianz s²/2 an realem Wert. Kelly-Leverage gleicht diesen Effekt optimal aus — zu wenig Leverage verschenkt Wachstum, zu viel führt zu Ruin.
Verbindung zur Sharpe Ratio¶
Kelly-Leverage ist direkt aus der Sharpe Ratio ableitbar: f* = Sharpe Ratio / s. Eine höhere Sharpe Ratio erlaubt also höheren Kelly-Leverage, was zu höherer leveraged Return führt. Daher gilt: Nicht die nominale Rendite einer Strategie zählt, sondern ihre Sharpe Ratio — sie bestimmt das maximale sichere Leverage und damit den langfristigen Wealth.
Half-Kelly als praktische Regel¶
Das theoretisch optimale f* ist in der Praxis zu aggressiv, weil: - m und s² aus Backtest-Daten geschätzt sind (Schätzfehler) - Marktregime wechseln (Nonstationarität) - Sequenz schlechter Trades → emotionale Entscheidungen bei voller Kelly-Leverage
Half-Kelly (f*/2) reduziert die maximale Drawdown-Tiefe erheblich bei geringem Verlust im Expected Long-Term Return. Faustformel: "Wenn du unsicher über die Inputs bist, halbiere die Kelly-Leverage."
Operative Anwendung¶
Für den Fondsaufbau: Kelly als Sizing-Framework für Strategie-Allokation — jede Sub-Strategie erhält eine Kelly-optimale Gewichtung auf Basis ihrer Sharpe Ratio und Kovarianz zu anderen Strategien. Praktische Schritte: 1. Backtest jede Strategie → schätze m und s² 2. Berechne Kovarianzmatrix zwischen Strategien 3. F = C⁻¹ × M liefert optimale Kapitalallokation 4. Sicherheitsabschlag: 50-75% von F für operative Leverage
Links¶
- ernest_chan — Quelle: Quantitative Trading (2008)
- 2026-05-09_chan_quantitative_trading — Primärquelle
- survivorship_bias — Schätzfehler durch Backtesting-Biases unterminieren Kelly-Inputs
- robustness_obsession — Half-Kelly als Robustheitsprinzip: lieber suboptimal als riskant
- skewness_asymmetrie — Kelly setzt normalverteilte Renditen voraus — versagt bei Fat Tails
- barbell_strategie — Taleb's Gegenmodell: keine mittlere Leverage, sondern binäre Allokation
- drawdown_management — Kelly minimiert Ruinwahrscheinlichkeit, aber nicht kurzfristige Drawdowns
- hedge_fund_architektur — Topic