Technical Analysis of the Financial Markets¶
Autor: John J. Murphy | Jahr: 1999 | Verlag: New York Institute of Finance
Das Standardwerk der technischen Analyse — und im Wiki lange die auffälligste Lücke: Acht Seiten verwiesen darauf, bevor es eingelesen war. Murphy überarbeitete hier sein Technical Analysis of the Futures Markets (1986) und erweiterte es von Futures auf alle Anlageklassen.
Der Wert des Buchs liegt weniger in einzelnen Techniken als in der Vollständigkeit und der Ordnung: Es ist der Referenzrahmen, gegen den sich jede spezialisierte Quelle des Bestands verorten lässt.
Die drei Prämissen¶
Murphys Fundament, und der Grund, warum das erste Kapitel das wichtigste ist:
„There are three premises on which the technical approach is based: 1. Market action discounts everything. 2. Prices move in trends. 3. History repeats itself."
Zur ersten — dem Eckstein — liefert er die Begründung, die technische Analyse gegen den Vorwurf der Beliebigkeit verteidigt: „Unless the full significance of this first premise is fully understood and accepted, nothing else that follows makes much sense."
Das Argument ist ökonomisch, nicht mystisch: „All the technician is really claiming is that price action should reflect shifts in supply and demand. If demand exceeds supply, prices should rise." Der Techniker dreht diese Aussage um und schließt vom Preis auf die Fundamentaldaten zurück.
Daraus folgt Murphys bemerkenswerteste Einordnung des eigenen Fachs: „The technician is indirectly studying fundamentals." Charts verursachen keine Bewegung, sie spiegeln die Psychologie des Marktes. Und: „Chartists do not concern themselves with the reasons why prices rise or fall. Very often, in the early stages of a price trend or at critical turning points, no one seems to know exactly why a market is performing a certain way."
Dow-Theorie als Grundlage¶
Murphy führt die sechs Grundsätze in der bis heute maßgeblichen Form:
- Die Indizes diskontieren alles.
- Der Markt hat drei Trends (primär, sekundär, kurzfristig).
- Haupttrends haben drei Phasen.
- Die Indizes müssen einander bestätigen.
- Das Volumen muss den Trend bestätigen.
- Ein Trend gilt als intakt, bis er ein definitives Umkehrsignal gibt.
Grundsatz 4 und 5 sind die, die im modernen Gebrauch am häufigsten übergangen werden — und genau sie verbinden Dow mit marktbreite.
Methoden & Konzepte¶
- Trendbegriff: drei Richtungen, drei Zeitklassifikationen. Die Grundlage für trend_following_prinzip.
- Unterstützung und Widerstand, Trendlinien, Fächerprinzip, Kanäle — inklusive der „Bedeutung der Zahl Drei" als wiederkehrendes Bestätigungsmuster.
- Prozentuale Retracements und Fibonacci-Linien — siehe fibonacci_analyse.
- Umkehrformationen mit einer expliziten Regelliste, die den Rest der Chartliteratur vorwegnimmt: Voraussetzung ist ein vorangehender Trend; das erste Signal ist meist der Bruch einer Trendlinie; je größer die Formation, desto größer die Folgebewegung; Topformationen sind kürzer und volatiler, Böden flacher und länger; Volumen ist auf der Aufwärtsseite wichtiger.
- Kopf-Schulter-Formation in sieben nachprüfbaren Schritten — Murphys Musterbeispiel dafür, wie eine Formation definiert statt beschrieben wird.
- Volumen und Open Interest als Bestätigungsebene.
- Oszillatoren und Contrary Opinion, gleitende Durchschnitte, Point & Figure, Candlesticks, Elliott-Wellen, Zeitzyklen — jeweils als Kapitel, nicht als Randnotiz. Siehe elliott_wave_grundstruktur, candlestick_grundlagen.
- Money Management als eigenes Kapitel, ungewöhnlich für ein Chartbuch dieser Zeit. Siehe money_management.
Schlüsselzitate¶
„Market action discounts everything."
„The charts do not in themselves cause markets to move up or down. They simply reflect the bullish or bearish psychology of the marketplace."
„The chartist in effect lets the market tell him or her which way it is most likely to go. The chartist does not necessarily try to outsmart or outguess the market."
Bewertung¶
Für wen: Als Nachschlagewerk für jeden, der technisch arbeitet. Und als Ordnungsrahmen für dieses Wiki — die meisten Spezialtitel im Bestand vertiefen ein Kapitel dieses Buchs.
Stärken: Die Prämissen-Diskussion ist der ehrlichste Teil der technischen Literatur: Murphy behauptet keine Magie, sondern begründet das Verfahren über Angebot und Nachfrage — und räumt ausdrücklich ein, dass der Techniker damit indirekt Fundamentaldaten studiert. Die Formationsregeln sind so formuliert, dass sie prüfbar sind statt interpretierbar.
Schwächen: Stand 1999. Marktmikrostruktur, elektronischer Handel und algorithmische Ausführung fehlen vollständig — was besonders die Volumen- und Open-Interest-Kapitel betrifft, siehe hft und tape_reading_hft_aera_synthese. Statistische Validierung der beschriebenen Formationen findet nicht statt; wer sie sucht, braucht Bulkowski. Murphys eigene spätere Spezialisierung, die Intermarket-Analyse, ist hier nur angedeutet — siehe intermarket_analyse.
Links¶
- john_murphy — Entity
- technische_analyse — die Konzeptebene
- trend_following_prinzip · marktbreite · fibonacci_analyse — vertiefende Konzepte
- intermarket_analyse — Murphys spätere Spezialisierung
- 2026-05-13_murphy_intermarket_technical_analysis_1991 · 2026-05-12_murphy_charting_made_easy — seine weiteren Werke im Bestand
- trading_technische_analyse — Topic