Intermarket-Analyse¶
Kein Markt bewegt sich allein. Wer nur einen betrachtet, sieht ein systematisch verzerrtes Bild.
Kernidee¶
Intermarket-Analyse liest die vier großen Anlageklassen — Rohstoffe, Anleihen, Aktien, Währungen — als ein gekoppeltes System statt als vier getrennte Charts. john_murphy formalisierte den Ansatz 1991 nach dem Crash von 1987, der sich in keinem einzelnen Markt erklären ließ, wohl aber im Zusammenspiel von Dollar, Zinsen und Aktien.
Die Sequenz¶
Der analytisch wertvollste Teil ist die Reihenfolge der Wendepunkte:
Rohstoffe → Anleihen → Aktien
Rohstoffe drehen zuerst, weil sie den Inflationsdruck unmittelbar abbilden. Anleihen folgen, weil Inflation den Realzins frisst. Aktien folgen den Anleihen, weil der Diskontsatz für künftige Gewinne dort gesetzt wird.
Die Sequenz ist kein Uhrwerk, aber sie liefert eine Erwartungshaltung: Wer eine Bewegung in Rohstoffen sieht, weiß, wo die nächste Bestätigung — oder Falsifikation — zu suchen ist.
Die Kernrelationen¶
- Dollar gegen Rohstoffe — stark negativ korreliert. Ein fallender Dollar ist strukturelles Warnsignal für Anleihen und mittelbar für Aktien.
- CRB-Index als Inflationsproxy — Rohstoffkorb als Vorlaufindikator für den Anleihenmarkt.
- Dow Utilities als Frühindikator — der zinssensitivste Aktienindex dreht häufig vor dem breiten Markt.
- Sektorrotation — welche Aktiensektoren führen, ist selbst ein Intermarket-Signal über die Konjunkturphase.
Operative Relevanz¶
Der praktische Wert liegt weniger im Timing als im Filter: Ein Aktiensignal gegen eine intakte Anleihen- und Rohstoffkonstellation ist ein schlechteres Signal als dasselbe Signal im Einklang damit. Intermarket-Analyse eignet sich damit als Regime- und Bestätigungsebene über einer Einzelmarktmethode — siehe intermarket_makro_filter_synthese.
Abgrenzung¶
- Keine Prognosemethode. Die Relationen sind stabil, ihre Zeitversätze nicht. Wer sie als Timing-Signal handelt, handelt Rauschen.
- Regimeabhängig. Die Korrelationen sind selbst nicht konstant — das Verhältnis von Aktien und Anleihen hat mehrfach das Vorzeichen gewechselt. Eine Intermarket-These braucht daher eine Angabe darüber, in welchem Regime sie gilt.
- Nicht identisch mit Makroanalyse. Intermarket arbeitet mit Preisen, nicht mit Wirtschaftsdaten — der Vorteil ist die Aktualität, der Preis dafür die fehlende Kausalerklärung.
Links¶
- john_murphy — der Systematiker des Ansatzes
- intermarket_makro_filter_synthese — Synthese
- marktzyklen — Einordnung der Konjunkturphase
- global_macro_geopolitik — Topic
- trading_technische_analyse — Topic