Volatilität¶
Die meistgenutzte Risikokennzahl der Finanzwelt — und die am häufigsten mit Risiko verwechselte.
Kernidee¶
Volatilität misst die Streuung von Renditen, üblicherweise als annualisierte Standardabweichung. Sie ist eine Beschreibung der Bewegung, keine Aussage über deren Richtung — und genau das macht sie so nützlich und so missverständlich.
Nützlich, weil sie die einzige Größe ist, die Positionen über Instrumente und Anlageklassen hinweg vergleichbar macht: Ein Kontrakt Gold und ein Kontrakt Bund sind erst dann vergleichbar, wenn man sie in Volatilitätseinheiten ausdrückt. Darauf beruht das gesamte moderne position_sizing.
Missverständlich, weil Volatilität symmetrisch ist, Verluste aber nicht. Für den Investor ist der dauerhafte Kapitalverlust das Risiko, nicht die Schwankung auf dem Weg dorthin.
Die drei Volatilitätsbegriffe¶
- Realisierte (historische) Volatilität — aus vergangenen Preisen berechnet. Bekannt, aber rückwärtsgewandt.
- Implizite Volatilität — aus Optionspreisen zurückgerechnet: die vom Markt erwartete künftige Schwankung. Siehe implied_volatility.
- Erwartete Volatilität — was tatsächlich eintreten wird. Unbekannt.
Die Differenz zwischen impliziter und später realisierter Volatilität ist systematisch positiv — Optionen sind im Mittel zu teuer. Das ist die volatility_risk_premium, die ökonomische Grundlage des Optionsverkaufs.
Die empirischen Eigenschaften¶
Diese vier Befunde sind stabil genug, um darauf zu bauen:
- Clustering. Volatilität kommt in Perioden — auf ruhige Tage folgen ruhige, auf bewegte bewegte. Deshalb ist sie überhaupt prognostizierbar, während Renditen es kaum sind.
- Mean Reversion. Extreme Volatilität kehrt zum Mittel zurück, aber langsamer nach oben als nach unten.
- Asymmetrie. Volatilität steigt bei fallenden Kursen stärker, als sie bei steigenden fällt — der Grund für den volatility_skew.
- Regimewechsel. Der Übergang von ruhig zu bewegt ist meist ein Sprung, kein Übergang. Deshalb sind Volatilitätsschätzer im Wendepunkt strukturell zu niedrig.
Operative Verwendung¶
- Als Sizing-Grundlage — Volatilitätszielgröße statt fester Stückzahl. Der Kern von money_management in systematischen Ansätzen.
- Als Stop-Abstand — siehe atr_volatility_stops: Der Stop gehört auf eine Distanz, die die normale Bewegung des Instruments respektiert, nicht auf einen runden Betrag.
- Als Regime-Indikator — vix_als_marktindikator. Der Fehler, den fast alle machen: Ein niedriger VIX bedeutet nicht Sicherheit, sondern nur, dass gerade wenig Absicherung nachgefragt wird.
- Als eigene Anlageklasse — Volatilität lässt sich über Optionen, VIX-Derivate und Varianzswaps direkt handeln.
Abgrenzung¶
- Nicht gleich Risiko. Volatilität ist messbar, Risiko nicht vollständig. Siehe risiko_vs_unsicherheit.
- Nicht gleich Drawdown. Zwei Strategien mit identischer Volatilität können völlig verschiedene maximale Verluste haben — Pfadabhängigkeit ist in der Standardabweichung nicht enthalten. Siehe drawdown_management.
- Setzt Normalverteilung nicht voraus, wird aber meist so verwendet. Bei fetten Rändern unterschätzt die Standardabweichung die Extreme systematisch. Siehe mediocristan_extremistan.
Links¶
- implied_volatility · volatility_risk_premium · volatility_skew — die Optionsseite
- atr_volatility_stops · position_sizing · money_management — die Umsetzungsseite
- vix_als_marktindikator · regime_change_risiko — die Regime-Seite
- risiko_vs_unsicherheit · drawdown_management — die Abgrenzungen
- volatilitaet_regime_indikator_synthese — Synthese