Momentum¶
Was gestiegen ist, steigt eine Weile weiter. Der robusteste und zugleich unbequemste Befund der Kapitalmarktforschung.
Kernidee¶
Momentum bezeichnet die empirische Beobachtung, dass die relative Wertentwicklung der jüngeren Vergangenheit die der nahen Zukunft vorhersagt: Gewinner der letzten drei bis zwölf Monate schlagen im Folgejahr die Verlierer.
Das ist unbequem, weil es weder zur Effizienzmarkthypothese passt noch zur Value-Logik — Momentum kauft ausdrücklich das, was bereits teuer geworden ist. Und es ist robust, weil der Effekt über Jahrzehnte, Anlageklassen und Länder hinweg nachgewiesen wurde, bevor und nachdem er publiziert wurde.
Die zwei Ausprägungen¶
- Relatives Momentum (Cross-Sectional) — Titel gegeneinander ranken und die Stärksten halten. Die klassische Form; im Wiki bei Clenow (aktien_momentum_strategie) und Gray/Vogel operationalisiert.
- Absolutes Momentum (Time-Series) — die eigene Historie eines Instruments als Filter: Ist die Rendite über den Rückblickzeitraum positiv, investiert; sonst raus. Das ist funktional trend_following_prinzip auf Einzelinstrumentebene.
dual_momentum kombiniert beides: erst relativ ranken, dann absolut filtern. Der zweite Schritt ist der wichtigere — er ist das, was in Bärenmärkten den Drawdown begrenzt.
Der Preis¶
Momentum hat eine charakteristische Verlustform: Momentum Crashes. Nach starken Marktrückgängen, wenn die Wende kommt, dreht die Rangfolge abrupt — die bisherigen Verlierer steigen am stärksten, und ein Momentum-Portfolio steht auf der falschen Seite. Die Renditeverteilung ist damit linksschief: viele kleine Gewinne, seltene große Verluste.
Wer Momentum handelt, kauft eine Prämie für das Tragen genau dieses Risikos. Das ist die ökonomisch belastbarste Erklärung des Effekts — neben der verhaltensökonomischen (Unterreaktion auf Nachrichten, dann Überreaktion durch Herdenverhalten).
Umsetzungsfragen¶
- Rückblickzeitraum — üblich sind 3 bis 12 Monate. Der jüngste Monat wird oft ausgespart, weil dort kurzfristige mean_reversion_strategie dominiert.
- Rebalancing-Frequenz — häufiger heißt reaktionsschneller, aber teurer. Der Effekt wird von Transaktionskosten schnell aufgezehrt.
- Positionszahl — zu wenige Titel machen das Portfolio zur Einzelwette, zu viele verwässern zum Index.
- Volatilitätsgewichtung — ob Positionen gleich gewichtet oder nach Volatilität skaliert werden, verändert das Risikoprofil stärker als die Titelauswahl.
Abgrenzung¶
- Nicht dasselbe wie Trendfolge. trend_following_prinzip arbeitet mit Preisschwellen auf einem Instrument, Momentum mit einer Rangfolge über viele. In der Wirkung überschneiden sie sich, im Portfolioaufbau nicht.
- Nicht dasselbe wie relative Stärke im Chartsinn. Die technische Lesart ist visuell und diskretionär, die Faktorlesart quantitativ und regelbasiert.
- Kein Gegensatz zu Value. Die beiden Faktoren sind historisch negativ korreliert — das macht sie zu Kandidaten für eine Kombination, nicht zu Konkurrenten. Siehe factor_investing.
- Anfällig für Crowding. Siehe crowded_trades_korrelationsbruch.
Links¶
- dual_momentum — die kombinierte Form
- aktien_momentum_strategie — Clenows konkrete Regeln
- trend_following_prinzip — die verwandte Zeitreihenlogik
- factor_investing · crowded_trades_korrelationsbruch — Einordnung und Risiko
- quantitative_finance — Topic