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Von der Beobachtung zur Messung — Chartformationen in drei Generationen

Der Bestand enthält dieselbe Sache dreimal, im Abstand von je einem halben Jahrhundert: richard_schabacker 1932, john_murphy 1999, Bulkowski ab den 1990ern. Nebeneinandergelegt erzählen sie nicht die Geschichte einer Methode, sondern die Geschichte eines Erkenntnisanspruchs — und dessen schrittweiser Ernüchterung.


Generation 1: Beobachtung mit offenem Visier (1932)

Schabacker beschreibt, was er sieht, und sagt dazu, was er nicht erklären kann:

„We have always taken the attitude that it is much more important to discover and establish the practical uses of such formations than to explain why they act as they do."

Bemerkenswert ist der Nachsatz: Die logischen Erklärungen mancher Formationen seien „rather indefinite and vague". Das ist keine Schwäche des Buchs, sondern seine intellektuelle Stärke — Schabacker unterscheidet sauber zwischen Beobachtung und Deutung.

Wo er eine Erklärung hat, ist sie ökonomisch: „the human element of trading, the relative balance between buying and selling". Und die Beobachtung, aus der alles folgt: „Most reversals are accomplished gradually."

Was fehlt: jede Zahl. Zuverlässigkeit wird behauptet und mit Beispielcharts illustriert.

Generation 2: Kanonisierung (1999)

Murphy — über Edwards & Magee der direkte Erbe — leistet etwas anderes: Er macht aus der Sammlung ein System. Formationen bekommen feste Regeln, Prüfschritte und einen Platz in einem geschlossenen Lehrgebäude.

Seine Regelliste für Umkehrformationen ist der Fortschritt: Voraussetzung ist ein vorangehender Trend; das erste Signal ist meist der Trendlinienbruch; je größer die Formation, desto größer die Folgebewegung; Topformationen sind kürzer und volatiler als Böden; Volumen zählt auf der Aufwärtsseite mehr.

Damit werden Formationen zum ersten Mal prüfbar statt interpretierbar. Und Murphy übernimmt Schabackers Redlichkeit: Auch bei ihm sind Charts kein Kausalmechanismus, sondern Abbild — „they simply reflect the bullish or bearish psychology of the marketplace."

Was fehlt: immer noch jede Zahl. Der Kanon ist geordnet, aber ungeprüft.

Generation 3: Messung (ab den 1990ern)

Bulkowski zählt aus. Für jede Formation: Trefferquote, durchschnittliche Bewegung, Fehlausbruchsrate, Häufigkeit. Zum ersten Mal steht eine Zahl neben dem Muster.

Und hier kippt das Bild. Die Ergebnisse sind nicht vernichtend, aber deutlich nüchterner als die zwei Generationen davor: Die Unterschiede zwischen den Mustern sind kleiner, die Fehlausbruchsraten höher, und die eindrucksvollen Kursziele gelten im Durchschnitt weit weniger zuverlässig, als die ältere Literatur nahelegt.


Was die drei Generationen zusammen zeigen

Der Erkenntnisanspruch stieg, während die Belegkraft konstant blieb — bis sie gemessen wurde und sank.

Schabacker behauptet wenig und weiß, dass er wenig behauptet. Murphy behauptet mehr, weil das System geschlossener wirkt. Bulkowski misst und findet weniger, als das System versprach.

Das ist ein Muster, das über die Chartanalyse hinausreicht. Man findet es bei saisonalitaet genauso — Fosback beobachtet, Hirsch kanonisiert, Kaeppel misst und trennt Signal von Lärm (kalendereffekte_marktbreite_synthese). Und bei harmonische_muster: Carney gibt den Formationen prüfbare Fibonacci-Verhältnisse, aber die ökonomische Begründung bleibt so vage wie 1932.

Die eigentliche Lehre ist methodisch, nicht inhaltlich: Ein Verfahren wird nicht dadurch besser, dass es besser geordnet wird. Ordnung erhöht die Anwendbarkeit und die Überzeugungskraft — nicht die Trefferquote.


Warum Formationen trotzdem nützlich bleiben

Die Ernüchterung widerlegt sie nicht, sie verschiebt ihren Zweck:

  • Als Bedingungsrahmen. Eine Formation liefert eine Ungültigkeitsbedingung — den Punkt, an dem die These widerlegt ist. Das ist unabhängig von ihrer Trefferquote wertvoll, weil es den Stop begründet statt ihn zu wählen.
  • Als gemeinsame Sprache. Sie werden von genug Marktteilnehmern beobachtet, dass die Reaktion auf einen Nackenlinienbruch selbst ein Ereignis ist — dieselbe Selbsterfüllung, die pivot_points trägt.
  • Als Volumenrahmen. Schabackers eigentliches Erbe ist nicht die Kopf-Schulter-Figur, sondern die Kopplung von Preis und Volumen: „Price and Volume Must be Considered Together."

Was sie nicht leisten: eine Wahrscheinlichkeitsaussage, die eine Position allein begründet.


Was sich daraus für die Praxis ergibt

  1. Die Formation liefert den Stop, nicht das Signal. Ihre Ungültigkeitsbedingung ist der belastbarste Teil an ihr.
  2. Kursziele aus Formationsgröße als Größenordnung lesen, nicht als Erwartungswert.
  3. Volumen mitprüfen — sonst fehlt der Formation ihr definierender Bestandteil.
  4. Bei der Zählung bleiben. Wer die Toleranzen weitet, findet mehr Formationen mit weniger Aussagekraft; das ist system_testing_overfitting in Reinform.
  5. Der Rückschaufehler ist strukturell. Im historischen Chart ist der letzte Punkt der Formation bekannt, in Echtzeit nicht.

Generation 4: Die Korrektur der Messung (2006)

Nachtrag vom 2026-07-27, nach dem Ingest von 2026-07-27_aronson_evidence_based_technical_analysis.

Bulkowskis Zählung war ein Fortschritt — aber sie beantwortet die entscheidende Frage nicht: Wie gut wäre das beste Ergebnis, wenn gar nichts funktionierte? david_aronson stellt genau diese Frage und beantwortet sie.

Er prüfte 6.402 objektive Handelsregeln über 25 Jahre S&P 500, korrigiert um data_mining_bias mittels White's Reality Check und Monte-Carlo-Permutation. Ergebnis: keine einzige statistisch signifikant. Die beste erzielte 10,25 Prozent annualisiert bei einem p-Wert von 0,8164 — aus 6.402 wertlosen Regeln liefert der Zufall in vier von fünf Fällen ein mindestens so gutes Spitzenergebnis.

Damit setzt sich das Muster der drei Generationen fort und verschärft sich: Je strenger gemessen wurde, desto weniger blieb. Schabacker behauptete wenig und wusste es. Murphy ordnete. Bulkowski zählte. Aronson zählt die Versuche mit — und erst dieser letzte Schritt macht die Zahl interpretierbar.

Zwei Einschränkungen, die Aronson selbst benennt und die regelmäßig überdehnt werden: Er testete einfache binäre Regeln auf einem Index. Daraus folgt nicht, dass Chartformationen wertlos sind — sie waren nicht sein Gegenstand. Was folgt, ist strenger und allgemeiner: Ohne Korrektur für die Zahl der Versuche ist kein Backtest-Ergebnis aussagekräftig, auch keins über Formationen.


Offene Kante

Der Regime- und Kostentest fehlt weiterhin. Aronson korrigiert für die Suchprozedur, prüft aber nicht, ob dieselben Regeln in verschiedenen Marktphasen unterschiedlich tragen; Bulkowski zählt Formationsergebnisse aus, ohne für die Zahl der geprüften Varianten zu korrigieren. Die Verbindung beider Prüfungen — Formationen, korrigiert für Data-Mining und getrennt nach Regime — existiert im Bestand nicht. Die Werkzeuge dafür beschreibt das Wiki mit backtesting_integritaet_synthese und deflated_sharpe_ratio vollständig.

Zweitens: Sämtliche Auswertungen stammen aus einer Zeit vor der elektronischen Marktstruktur. Ob Formationen, deren Begründung auf dem Verhalten menschlicher Marktteilnehmer beruht, in einem Markt gelten, in dem ein erheblicher Teil des Volumens maschinell entsteht, ist im Bestand nirgends untersucht. Siehe hft und tape_reading_hft_aera_synthese.