Saisonalität¶
Der am besten dokumentierte und am schlechtesten überprüfte Effekt der Finanzliteratur.
Kernidee¶
Saisonalität behauptet, dass Renditen nicht gleichmäßig über den Kalender verteilt sind — dass bestimmte Monate, Wochentage, Monatswechsel oder Jahre im politischen Zyklus systematisch andere Erwartungswerte tragen als der Durchschnitt.
Die Datenlage ist umfangreich und alt: norman_fosback wies Kalendermuster bereits 1976 nach, jeffrey_hirsch führt die Tradition des Stock Trader's Almanac über mehr als ein Jahrhundert US-Historie fort, jay_kaeppel unterzieht sie einer quantitativen Prüfung.
Die bekanntesten Muster¶
- Best Six Months — „Sell in May and Go Away": das Winterhalbjahr November–April trägt historisch den Großteil der Aktienrendite. Hirsch zeigt, dass eine Rotation in Anleihen oder Cash im Sommerhalbjahr vor allem den Drawdown senkt, weniger die Rendite hebt.
- Präsidentschaftszyklus — drittes und viertes Jahr einer US-Amtszeit historisch am stärksten; als Erklärung dient stimuluspolitisches Verhalten vor Wahlen. Über 80+ Jahre statistisch auffällig.
- Januar-Effekt — Small Caps schlagen zum Jahresanfang den breiten Markt; klassisch mit Steuerverkäufen im Dezember erklärt.
- January Barometer — die Januarrendite als Vorzeichen für das Gesamtjahr.
- Monatswechsel und Wochentage — die kleinsten und am stärksten datengetriebenen Muster.
Das methodische Problem¶
Kaeppel ist hier die ehrlichste Quelle: Einige der Muster sind statistisch signifikant, andere sind Lärm. Und das ist die entscheidende Unterscheidung, weil Saisonalität strukturell dem Data Mining ausgesetzt ist:
- Es gibt zwölf Monate, fünf Wochentage, vier Jahre im politischen Zyklus. Wer alle Kombinationen prüft, findet garantiert Auffälligkeiten — auch in Zufallsdaten.
- Die Stichprobe ist klein. Über hundert Jahre gibt es hundert Januare — für eine Aussage über Monatsrenditen eine sehr dünne Basis.
- Die Muster werden an derselben Historie entdeckt, an der sie belegt werden. Eine echte Out-of-Sample-Prüfung ist kaum möglich, weil die Historie endlich ist.
- Bekannte Effekte werden weggehandelt. Der Januar-Effekt ist seit seiner Publikation deutlich schwächer.
Siehe system_testing_overfitting.
Die brauchbare Position¶
Kaeppels eigene Schlussfolgerung ist die tragfähige: Saisonalität als ergänzender Filter, nicht als Strategie. Am stärksten wirkt sie, wenn sie mit einer Trendbestätigung kombiniert wird — also dort, wo sie eine bestehende These leicht gewichtet, statt allein eine Position zu begründen.
Zusätzlich verlangt ein saisonales Muster, um ernst genommen zu werden: eine ökonomische Begründung, die vor der Beobachtung plausibel war (Steuerjahresende, Bilanzstichtage, Wahlzyklen), Stabilität über Teilperioden, und Wirksamkeit auch nach Kosten.
Abgrenzung¶
- Nicht dasselbe wie marktzyklen. Marktzyklen folgen ökonomischen Zuständen, Saisonalität dem Kalender. Der Unterschied ist die Kausalität.
- Kein Timing-Ersatz. Ein Muster mit 60 Prozent Trefferquote über hundert Beobachtungen ist von einer Münze kaum zu unterscheiden.
- Nicht übertragbar. US-Kalendereffekte gelten nicht automatisch für andere Märkte, Anlageklassen oder Zeiträume.
Links¶
- jay_kaeppel — die quantitative Prüfung
- jeffrey_hirsch — die kalendarische Tradition
- norman_fosback — der frühe systematische Nachweis
- marktbreite — das verwandte marktinterne Signalfeld
- kalendereffekte_marktbreite_synthese — Synthese: was der Prüfung standhält
- system_testing_overfitting — die Prüfinstanz
- marktzyklen — Abgrenzung