Chartformationen¶
Wiederkehrende Preisfiguren, die ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage sichtbar machen, bevor es sich auflöst — behauptet seit 1932, gemessen erst seit den 1990ern.
Kernidee¶
Eine Chartformation ist ein zeitlich abgegrenztes Preismuster, dem eine Aussage über die wahrscheinliche Folgebewegung zugeschrieben wird. Man unterscheidet Umkehrformationen (Kopf-Schulter, Doppeltop und -boden, Rounding Turn) von Fortsetzungsformationen (Dreiecke, Flaggen, Wimpel, Keile).
Die Begründung ist bei allen ernstzunehmenden Autoren dieselbe und stammt von richard_schabacker: Formationen bilden ab, wie sich die Kräfteverhältnisse zwischen Käufern und Verkäufern allmählich verschieben. „Most reversals are accomplished gradually, by the slow overcoming of excessive buying power by growing selling pressure."
Die Bestandteile einer prüfbaren Formation¶
Was eine Formation von einer Interpretation trennt:
- Ein vorangehender Trend. Ohne ihn gibt es nichts umzukehren — der von Murphy zuerst genannte Prüfstein.
- Eine definierte Geometrie mit benennbaren Punkten, nicht ein visueller Eindruck.
- Ein Volumenverlauf. Bei Schabacker ist Volumen Teil der Definition, nicht nachträgliche Bestätigung: „Price and Volume Must be Considered Together."
- Ein Auslöser — meist der Bruch einer Linie (Nackenlinie, Begrenzung).
- Eine Ungültigkeitsbedingung, an der die Formation als widerlegt gilt.
- Ein Kursziel, das sich aus der Formationsgröße ableitet.
Fehlt Punkt 5, ist es keine Formation, sondern eine Erzählung.
Die drei Generationen¶
- Beobachtung (Schabacker 1932). Systematische Beschreibung, ehrlich über die eigenen Erklärungslücken: Der praktische Nutzen sei wichtiger als die Erklärung, warum die Muster wirken.
- Kanonisierung (Edwards & Magee, dann john_murphy 1999). Die Formationen erhalten feste Regelsätze, prüfbare Definitionen und einen Platz in einem geschlossenen Lehrgebäude.
- Messung (Bulkowski, ab den 1990ern). Erstmals werden Trefferquoten, Durchschnittsbewegungen und Fehlausbruchsraten für jede Formation ausgezählt — mit dem ernüchternden Ergebnis, dass die Unterschiede zwischen den Mustern kleiner und die Fehlausbruchsraten höher sind als die ältere Literatur nahelegt.
Siehe chartformationen_von_1932_bis_heute_synthese.
Der bleibende Einwand¶
Formationen werden am selben Datenmaterial entdeckt und belegt, an dem sie später angewendet werden. Ihre Definitionen enthalten Toleranzen, und je weiter die Toleranz, desto mehr Formationen findet man — bei entsprechend geringerer Aussagekraft. Das ist derselbe strukturelle Vorbehalt wie bei saisonalitaet und harmonische_muster; siehe system_testing_overfitting.
Hinzu kommt der Rückschaufehler: Im historischen Chart springt eine Formation ins Auge, in Echtzeit ist ihr letzter Punkt noch nicht gesetzt.
Abgrenzung¶
- Nicht dasselbe wie candlestick_grundlagen. Candlesticks arbeiten auf ein bis drei Bars, Formationen über Wochen bis Monate.
- Nicht dasselbe wie price_action. Price Action liest die Bar-für-Bar-Struktur ohne benannte Figuren.
- Kein Prognoseinstrument, sondern ein Bedingungsrahmen. Eine Formation sagt, unter welchen Umständen eine These falsifiziert ist — das ist ihr eigentlicher Wert.
Links¶
- richard_schabacker · john_murphy — die Traditionslinie
- chartformationen_von_1932_bis_heute_synthese — Synthese
- volumen_analyse — der untrennbare Bestandteil
- candlestick_grundlagen · price_action — die Nachbarn
- system_testing_overfitting — der Vorbehalt
- trading_technische_analyse — Topic