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Candlestick-Patterns und Bar-Scoring: Bedingung + Trigger

Bar-Scoring (Fitschen) beantwortet: Wann sind die Marktbedingungen statistisch günstig? Candlestick-Patterns (Nison/Bigalow/Bulkowski) beantworten: Wann genau einsteigen? Beide Fragen gemeinsam ergeben ein robusteres System als jede Methode allein.


Was ein Bar-Score eigentlich ist

Bevor man die Kombination versteht, muss man verstehen, was ein Bar-Score konkret bedeutet.

Ein Bar-Score ist kein Indikatorwert (wie RSI = 28). Er ist der historisch belegte Erwartungswert dieses Bars — gemessen in Prozent Gewinn über die nächsten X Tage, berechnet aus tausenden ähnlicher Situationen in der Vergangenheit.

Beispiel RSI(14) auf NASDAQ-Aktien (Fitschen, 2000–2011):

RSI-Bin Ø Return 3 Tage Bedeutung
> 64.68 −0.15% Überkauft: im Schnitt verloren
51 – 65 −0.13% bis −0.01% Neutral bis leicht negativ
42 – 51 +0.01% bis +0.04% Leicht positiv
37 – 42 +0.11% Gut
< 37.08 +0.17% Bestes Bin: überverkauft

Das bedeutet: Ein Bar mit RSI < 37 hat historisch im Durchschnitt +0.17% über die nächsten 3 Tage erzielt — gemessen über 30.000 solcher Bars. Das ist der Score dieses Bars.

Score ≠ Garantie

+0.17% ist ein Durchschnitt über 30.000 Fälle. Einzelne Trades werden stark streuen — manche +2%, manche −3%. Der Score sagt nur: In dieser Klasse von Situationen war der Erwartungswert positiv. Deshalb braucht man viele Trades um den Erwartungswert zu realisieren.

Kombination RSI(13) + Momentum(21)

Jedes Kriterium liefert einen eigenen Score. Die Kombination ergibt den aggregierten Erwartungswert:

Score(Bar) = ( Score_RSI13 + Score_Mom21 ) / 2

Ein Bar mit RSI(13) = 22 (Score: +0.18%) und negativem Momentum(21) (Score: +0.12%) hat einen aggregierten Score von +0.15% Erwartungswert über 3 Tage. RSI und Momentum zeigen beide in dieselbe Richtung → starkes Signal. Widersprechen sie sich → Score nahe null → kein Trade.


Was ein Candlestick-Pattern eigentlich ist

Und jetzt zum Pattern: Ein Candlestick-Pattern ist kein Score — es ist eine Momentaufnahme der Marktpsychologie in einem oder mehreren Bars.

Beispiel Harami (Bullish): Große schwarze Kerze → kleine weiße Kerze, die komplett im Body der ersten liegt. Signal: Die Bären verlieren die Kontrolle. Die kleine weiße Kerze zeigt, dass die Verkäufer am nächsten Tag nicht weiter drücken konnten.

Was Bulkowski über Harami sagt

Bulkowski hat beide Harami-Varianten auf über 20.000 historischen Beispielen getestet. Das Ergebnis ist ernüchternd:

Bullish Harami (Downtrend → große schwarze → kleine weiße Kerze): - Theoretisch: bullische Umkehr - Tatsächlich: nur 53% Umkehr im Bullmarkt — 3 Prozentpunkte über Zufall - Gesamtperformance-Rang: 38 von 103 (1 = bestes) - Bulkowski: "Do not depend on this candlestick pointing the way"

Zeitfenster Bull Market, Up Breakout Bear Market, Up Breakout
+1 Tag +1.23% +2.06%
+3 Tage +2.38% +3.76%
+5 Tage +2.95% +4.22%
+10 Tage +3.29% +4.05%

Bearish Harami (Uptrend → große weiße → kleine schwarze Kerze): - Tatsächlich Bullmarkt: Fortsetzung 53% — also öfter bullisch als bärisch - Gesamtperformance-Rang: 72 von 103 — sehr schwach - Bulkowski: "reversal rate of just 47% — too close to random to be useful"

Was das bedeutet: Ein Harami allein sagt fast nichts. In einem Bullmarkt läuft der Kurs nach einem Bearish Harami öfter weiter hoch als er fällt. Das Pattern hat als isoliertes Signal kaum Wert.

Warum taucht der Harami dann überall auf?

Weil er visuell auffällig ist und weil Menschen Muster in Zufallsdaten sehen. Bigalow und Nison betonen beide den Kontext-Zwang — aber ohne quantitative Basis bleibt "Kontext" subjektiv.


Die Kombination: Wo Bar-Score und Pattern zusammenwirken

Das grundlegende Prinzip

Bar-Score  →  "Bin ich im richtigen statistischen Umfeld?"
Pattern    →  "Zeigt mir der Markt jetzt gerade die Umkehr?"

Entry nur wenn beide gleichzeitig erfüllt sind.

Warum der Harami allein schwach ist — aber nicht im Score-Fenster

Der Bullish Harami hat 53% Umkehrrate overall. Das heißt: über alle Marktbedingungen gemittelt. Wenn man aber nur jene Harami-Fälle betrachtet, in denen der Bar-Score (RSI(13) < 37 + negatives Momentum(21)) im besten Bin liegt — also Situationen mit ohnehin hohem statistischem Erwartungswert — dann ist die Basis eine ganz andere.

Der Score filtert die 53%-Fälle heraus. Was übrig bleibt, sind Harami-Formationen in überverkauften, schwachen Marktphasen mit positivem Erwartungswert aus unabhängigen Quellen (RSI + Momentum). Die Kombination erhöht die Trefferwahrscheinlichkeit nicht durch Magie, sondern durch Kontextbereinigung.

Zeitliche Logik

Tag 1–N:    Bar-Score bleibt im obersten Bin (RSI < 37, neg. Momentum)
            → kein Trade, nur beobachten
Tag N+1:    Bullish Harami erscheint
            → Entry am nächsten Open
Tag N+2ff.: Exit bei Score-Verschlechterung oder gegenteiligem Pattern

Der Score kann Tage oder sogar Wochen im günstigen Bereich bleiben. Das Pattern sagt, wann innerhalb dieser Phase der Wendepunkt sichtbar wird.


Stop-Loss und Exit

Stop-Loss: Unterhalb des Harami-Tiefs (unter dem unteren Schatten der größeren Kerze). Das ist Nisons Regel und ergibt sich direkt aus der Pattern-Logik: fällt der Kurs unter das Tief, war das Pattern kein echter Boden.

Exit — zwei Möglichkeiten:

  1. Score-Exit (systematisch): Bar-Score dreht in unteres Drittel oder negativ → Position schließen, unabhängig vom Kurs. Früher, aber regelbasiert.

  2. Pattern-Exit (präziser): Gegenteiliges Pattern erscheint (Bearish Engulfing, Evening Star) → schließen. Kommt seltener, aber oft näher am tatsächlichen Top.

Praxis: Score-Exit als Pflicht-Stop, Pattern-Exit als Frühwarnung. Welcher zuerst kommt, gilt.


Harami in Zahlen: Was ändert sich durch den Score-Filter?

Bulkowskis 53%-Umkehrrate gilt für alle Harami. Mit Bar-Score-Filter (nur die besten Bins):

  • Alle Harami im Score-Fenster sind bereits in überverkauften Phasen (RSI < 37)
  • Bulkowskis eigene Daten: Harami im unteren Jahresdrittel (nahe 12-Monatstief) performen deutlich besser: +8.36% über den Trend vs. +6.69% im oberen Drittel
  • Das stimmt mit dem Score-Konzept überein: Überverkaufte Situationen = höherer Erwartungswert

Der Score-Filter selektiert also genau jene Harami heraus, die Bulkowski selbst als besser einstuft.


Zusammenfassung

Bar-Scoring (Fitschen) Candlestick-Pattern (Nison/Bulkowski/Bigalow)
Was es ist Erwartungswert in % pro Bar Momentaufnahme der Marktpsychologie
Grundlage 30.000+ historische Samples pro Bin Visuelle Mustererkennung + Statistik
Stärke Quantifizierter Erwartungswert Präzises Entry-Timing
Schwäche allein Kein Trigger — Score kann Wochen aktiv sein 53% Trefferrate beim Harami = nahezu zufällig
Zusammen Score filtert schlechte Pattern-Setups Pattern präzisiert den Entry im Score-Fenster
Harami konkret Gibt den Kontext (überverkauft = bestes Bin) Zeigt den Moment (Bären verlieren Kontrolle)

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