Bar-Scoring (Fitschen)¶
Entwickelt von Keith Fitschen in Building Reliable Trading Systems (2013). Kernidee: Jeder Bar bekommt einen numerischen Score — den erwarteten Gewinn X Tage nach Entry, berechnet aus historischen Daten. Kein binäres Ja/Nein, sondern ein messbarer Erwartungswert.
Das Problem mit traditionellen Systemen¶
Klassische Systeme sind binär: Kriterien erfüllt → Einstieg; nicht erfüllt → kein Einstieg. Es gibt keine Unterscheidung zwischen schwachem und starkem Signal. Ein RSI von 38 und ein RSI von 22 lösen denselben Einstieg aus — obwohl der erwartete Gewinn deutlich verschieden ist.
Fitschen: "There are no shades of gray like: this is a weak entry; this is a very strong entry; or this is a good entry even though one logic condition isn't met."
Bar-Scoring löst das.
Der Prozess — Schritt für Schritt¶
Schritt 1: Kriterium wählen Jedes messbare Merkmal eines Bars eignet sich als Kriterium. Klassische Startpunkte laut Fitschen: RSI, Stochastic, Momentum. Auch Bar-Typ, Volumen-Abweichung, Preis-Standardabweichung verwendbar.
Schritt 2: Messperiode festlegen Wie viele Tage nach Entry soll der Profit gemessen werden? Kurzfristig = 1–3 Tage; mittelfristig = 5–10 Tage. Diese Wahl bestimmt den Charakter des Systems.
Schritt 3: Historische Daten berechnen Für jeden historischen Bar: Kriterium berechnen + Profit X Tage danach (als ob man am nächsten Open eingestiegen wäre).
Schritt 4: In Bins sortieren Alle Bars nach Kriteriumswert von oben nach unten sortieren, in gleich-große Bins aufteilen (mindestens 10, besser 20 Bins mit je vielen Tausend Samples). Jeder Bin enthält dieselbe Anzahl Beobachtungen.
Schritt 5: Ø Return pro Bin berechnen Das ist der Score dieses Kriteriums für jeden Wertebereich.
Schritt 6 (optional): Mehrere Kriterien kombinieren Jedes Kriterium liefert einen Score. Aggregierter Score = Summe aller Einzelscores / Anzahl Kriterien = erwarteter Gewinn X Tage nach Entry.
Konkretes Beispiel: RSI(14) auf NASDAQ-Aktien¶
Fitschen's primäres Beispiel aus dem Buch: 14-Tage-RSI als Kriterium, 3-Tage-Return als Messperiode, NASDAQ 100 Aktien 2000–2011. 10 Bins à 30.000 Samples:
| RSI-Bin | Ø Return 3 Tage |
|---|---|
| > 64.68 | −0.15% |
| 60.12 – 64.68 | −0.13% |
| 56.94 – 60.12 | −0.08% |
| 54.30 – 56.94 | −0.06% |
| 51.89 – 54.30 | −0.03% |
| 49.54 – 51.89 | −0.01% |
| 45.69 – 49.54 | +0.01% |
| 42.42 – 45.69 | +0.04% |
| 37.08 – 42.42 | +0.11% |
| < 37.08 | +0.17% |
Was die Tabelle zeigt: Der Score ist keine willkürliche Zahl — er ist der historisch belegte Erwartungswert. Ein RSI unter 37 bedeutet: dieser Bar hat im Durchschnitt +0.17% Return über die nächsten 3 Tage erzielt. Ein RSI über 65 bedeutet: −0.15%. Der Unterschied zwischen dem besten und schlechtesten Bin = 0.32% pro Trade. Klein, aber über viele Trades und mit Selektion erheblich.
Die Counter-Trend-Natur von Aktien ist direkt ablesbar: Je überkauft, desto negativer der Erwartungswert. Je überverkauft, desto positiver.
RSI(13) + Momentum(21): Kombination zweier Kriterien¶
Fitschen zeigt RSI(14) als Beispiel, betont aber ausdrücklich die freie Parameterwahl: "You could use a seven-day RSI and a one-day return, or a 50-day RSI and a 10-day return — everything is user-defined."
RSI(13) würde praktisch identische Bins liefern wie RSI(14) — leichte Verschiebung der Grenzwerte, gleiche Grundstruktur.
Momentum(21): Fitschen nennt Momentum explizit als geeignetes Scoring-Kriterium neben RSI und Stochastic. Momentum(21) = Close heute − Close vor 21 Tagen (oder normalisiert als prozentuale Veränderung).
So funktioniert die Kombination¶
Beide Kriterien müssen dieselbe Messperiode verwenden (z.B. beide 3-Tage-Return).
Für jeden Bar: 1. RSI(13)-Wert berechnen → Score aus RSI(13)-Bins ablesen (z.B. +0.16%) 2. Momentum(21)-Wert berechnen → Score aus Momentum(21)-Bins ablesen (z.B. +0.09%) 3. Aggregierter Score = (0.16 + 0.09) / 2 = +0.125% Erwartungswert über 3 Tage
Ein Bar mit RSI(13) = 25 und negativem Momentum(21) bekommt einen höheren Score als ein Bar mit RSI(13) = 25 und positivem Momentum(21) — denn das Momentum bestätigt oder widerspricht dem RSI-Signal.
Was die Kombination bringt¶
RSI allein misst Überkauft/Überverkauft auf einer Zeitebene. Momentum(21) misst, ob der mittelfristige Trend (21 Tage) in dieselbe Richtung zeigt oder dagegen läuft. Die Kombination erfasst: - Kurzfristiger Extremzustand (RSI) - Mittelfristiger Trend-Kontext (Momentum)
Ist der Score beider Kriterien im untersten Bin → sehr starkes Long-Setup. Sind sie widersprüchlich → neutraler oder schwacher Score → kein Trade.
Weitere Scoring-Kriterien (aus dem Buch)¶
Fitschen zeigt vier Kriterien-Typen mit Ergebnissen:
Bar-Typ (8 Kategorien nach Open/Close/Range-Verhältnis): Bei Aktien liefert Bar-Typ 4 (Close > Open, Close in unterer Hälfte der Range, Close > gestern) den besten nächsten-Tag-Return (+0.10%). Bei Rohstoffen performen Bar-Typen mit Close < gestern besser — trotz Counter-Trend auf Tagesbasis.
Preis-Standardabweichung (Abweichung vom 20-Tage-Durchschnitt in SDs): Für Aktien — je negativer die SD, desto besser der 5-Tage-Return (bis −1.64 SD: +0.51%). Für Rohstoffe umgekehrt: hohe positive SD = gute Trend-Fortsetzung.
Volumen-Standardabweichung: Aktien mit Volumen > 1.5 SD über Durchschnitt und Aktien mit sehr niedrigem Volumen performen am besten über 5 Tage. Rohstoffe: hohes Volumen (Bin 2: +$58) am stärksten.
Praktische Grenzen¶
Sample-Größe ist alles: Fitschen braucht viele Tausend Samples pro Bin. Mit 20 Bins und 595.806 Trades = ~30.000 pro Bin. Wer nur ein Instrument oder wenige Hundert Trades hat, bekommt keine stabilen Scores.
Marktklasse bestimmt die Richtung: Aktien = Counter-Trend (niedriger RSI → long). Rohstoffe = Trend-Following (hoher Momentum → long). Denselben Score auf beide anzuwenden wäre falsch.
Zeitstabilität: Scores aus 2000–2011 gelten nicht ewig. Fitschen empfiehlt BRAC-Test (Cross-Market Validation) um Curve-Fitting auszuschließen.
Fitschen selbst: "Bar-scoring is most powerful when there are a lot of instruments. In the commodity world there are fewer than 100 liquid instruments — you'll only have a couple to choose from. But there are thousands of highly liquid U.S. stocks."
Anwendungsbereiche¶
- Entry-Selektion: Aus 100 möglichen Trades pro Tag nur die mit Score > Schwellenwert handeln
- Entry-Timing: Warten bis Bar-Score hoch genug — nicht auf jedes Signal eingehen
- Exit: Long-Position verlassen wenn Score ins unterste Drittel fällt
- Kombination mit Candlestick-Patterns: Score definiert das Suchfenster, Pattern liefert den Trigger → candlestick_bar_scoring_synthese
Verbindungen¶
- 2026-05-12_fitschen_building_reliable_trading_systems — Primärquelle
- candlestick_bar_scoring_synthese — Anwendung: Score + Pattern zusammen
- system_testing_overfitting — BRAC-Test, Curve-Fitting-Risiko
- erwartungswert_edge — Theoretische Basis
- robustness_obsession — Warum Scores Cross-Market validiert werden müssen