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Systematic Trading — Robert Carver (2015)

Carver, Robert. Systematic Trading: A Unique New Method for Designing Trading and Investing Systems. Harriman House, 2015. — Umfassendes Framework für systematisches Trading: von der Regelentwicklung über Prognose-Kombination bis zur Positionsgrößenbestimmung über Volatility Targeting.

Einordnung

Eines der praxisnahsten und konzeptuell saubersten Systematik-Bücher. Carver (ex-AHL Portfolio Manager) verbindet institutionelles Know-how mit persönlicher Umsetzbarkeit. Thematisch verwandt mit 2026-05-12_stridsman_trading_systems_that_work (System-Entwicklung) und [[2026-05-12_ernest_chan_algorithmic_trading]] (Quant-Trading). Besonderheit: Drei Trader-Archetypen als Lerngerüst.

Kernbotschaft

"Systematische Investoren sind Algorithmen überlegen wenn es um Preis-Prognosen geht? Kaum. Aber beim Positions- und Risikomanagement sollte jeder Trader ein System benutzen."

Hauptargument: Auch wer glaubt, besser als ein System prognostizieren zu können, sollte Positions-Sizing und Risikomanagement systematisieren.


Die drei Trader-Archetypen

1. Asset Allocating Investor

  • Langfristig, ETFs, keine Leverage
  • Skeptisch gegenüber Kurzfrist-Prognosen
  • Nutzt systematischen Rahmen für Rebalancing und Allokation

2. Semi-Automatic Trader

  • Eigene diskretionäre Prognosen, aber systematisches Position-Management
  • Mit Leverage und Derivaten (Spread Bets, Futures)
  • "Bets" innerhalb eines definierten Risk-Rahmens

3. Staunch Systems Trader

  • Vollständig systematisch: Prognosen + Positions-Management algorithmisch
  • Carver selbst: >40 Futures-Kontrakte mit 8 Trading Rules

Systematic Trading Rules (Kapitel 2)

Was macht eine gute Trading Rule aus? - Einfach und robust: wenige Parameter - Logisch begründbar (Economic Rationale) - Out-of-Sample nachgewiesen


Fitting-Gefahr (Kapitel 3)

  • Over-Fitting: Zu viele Parameter → keine Generalisierung
  • Carvers Lösung: Wenige Regeln, sehr wenige Parameter; Regeln die "obviously true" sein sollten

Volatility Targeting (Kapitel 9) — Kernbeitrag

Ziel: Konstante Risikoexposition über die Zeit, unabhängig von Marktvolatilität

Formel (vereinfacht):

Position = (Kapital × Ziel-Volatilität) / (Instrument-Volatilität × Preis × FX)

  • Automatisch: Bei steigender Volatilität → kleinere Position; bei fallender → größere
  • Wirkung: Drawdowns in volatile Perioden begrenzt; stabile Risikojustierung

Forecast-Kombination (Kapitel 8)

  • Mehrere Trading Rules → jede erzeugt einen normalisierten Forecast (-20 bis +20)
  • Gewichtete Kombination: Forecast Weights basierend auf Korrelationen
  • Diversification Multiplier: Kombination unkorrellierter Forecasts erhöht Sharpe Ratio

Positions-Sizing (Kapitel 10)

  • Volatility-skaliert: Basis für alle Positions-Berechnungen
  • Berücksichtigt: Kapital, Instrument-Volatilität, Forecast-Stärke, Korrelationen im Portfolio

Transaktionskosten (Kapitel 12)

  • Kosten als Filter: Nur traden wenn erwarteteter Profit > erwartete Transaktionskosten
  • "Speed Limit" je Instrument: Wie oft kann rational gehandelt werden?

Verbindungen


Schlüsselzitat

„Trading rules provide a prediction on whether something will go up or down in price. These can be purely systematic, or based on human discretion. But it is equally important to have a good framework of position and risk management."

Weitere Kernthesen

  • Unsicherheit über die eigenen Schätzungen gehört ins Modell. Erwartete Renditen tragen so große Fehlerbalken, dass gleichgewichtete oder nur grob differenzierte Allokationen den scheinbar optimierten meist überlegen sind.
  • Positionsgrößen gehören in Risikoeinheiten, nicht in Stückzahlen. Zielgröße ist eine annualisierte Volatilität; die Stückzahl folgt daraus, nicht umgekehrt.
  • Forecasts skalieren, Signale nicht. Statt binärer Ein-/Ausstiegssignale erzeugt Carver kontinuierliche, normierte und gedeckelte Forecasts — die Positionsgröße ist proportional zur Signalstärke und über Instrumente hinweg vergleichbar.
  • Sicherheitsabschlag auf Kelly. Carver argumentiert für deutlich unter halbem Kelly, weil Schätzfehler und Nicht-Normalität in der Praxis zusammenwirken. Vgl. kelly_kriterium.

Bewertung

Für wen: Wer ein eigenes System baut oder ein bestehendes härten will. Die praktischste Ergänzung zu 2026-07-25_poundstone_fortunes_formula und 2026-07-25_thorp_man_for_all_markets — dort die Idee, hier die Umsetzung mit realistischen Schätzfehlern.

Stärken: Carver quantifiziert konsequent die eigene Unwissenheit, statt sie wegzuoptimieren. Die Forecast-Normierung löst das praktische Problem, Signale unterschiedlicher Herkunft in einem Portfolio zu kombinieren.

Schwächen: Auf Futures und liquide Instrumente zugeschnitten; Aktien-Einzelselektion wird kaum behandelt. Die bewusst konservative Haltung kostet in ruhigen Trendphasen Rendite. Rechenintensiv in der Umsetzung.