Zum Inhalt

Sechs-Schritte-Analyse

Die Bewertung ist der letzte Schritt, nicht der erste. Wer bei der Bilanz einsteigt, hat die Hälfte der Analyse übersprungen.

Kernidee

james_wahlen ordnet Bilanzanalyse und Bewertung zu einer begründeten Reihenfolge — dem strukturgebenden Rahmen seines Lehrbuchs und zugleich dem besten Ordnungsvorschlag im Bilanzanalyse-Bestand des Wikis. Die Schritte sind verkettet: Jeder liefert den Kontext, ohne den der folgende nicht interpretierbar ist.

Die sechs Schritte

  1. Ökonomische Merkmale und Wettbewerbsdynamik der Branche identifizieren. Welche Kräfte treiben den Wettbewerb? Viele Anbieter mit gleichartigen Produkten wie im Lebensmitteleinzelhandel oder wenige mit einzigartigen wie in der Pharmaindustrie? Spielt technologischer Wandel eine Rolle für den Wettbewerbsvorteil? Dieser Schritt „establishes the economic foundation and context for the remaining steps in the process."

  2. Die Strategie des Unternehmens bestimmen. Welches Geschäftsmodell verfolgt es, um sich in dieser Branche zu behaupten? Gibt es Wettbewerbsvorteile, und wie nachhaltig sind sie? Zielt es auf Marktsegmente oder auf Breite? Ist es vertikal integriert, geografisch oder branchenmäßig diversifiziert?

  3. Die Qualität des Abschlusses beurteilen und nötigenfalls bereinigen — für Nachhaltigkeit und Vergleichbarkeit. Enthalten die Ergebnisse einmalige Bestandteile? Wurden Transaktionen oder Methodenwahlen so gewählt, dass das Unternehmen profitabler oder risikoärmer erscheint als wirtschaftlich gerechtfertigt? Siehe bilanzqualitaet.

  4. Profitabilität und Risiko analysieren. Kapitalrenditen, Margenentwicklung im Zeitverlauf und gegen Wettbewerber, Verschuldung in der Kapitalstruktur. Siehe kennzahlenanalyse.

  5. Künftige Abschlüsse projizieren. Vollständige Bilanz, GuV und Kapitalflussrechnung als gemeinsame Grundlage aller folgenden Bewertungsmodelle. Ohne konsistente Projektion ist jedes Modell nur eine andere Verpackung derselben Willkür.

  6. Das Unternehmen bewerten. Dividendenbasiert, cashflowbasiert oder ergebnisbasiert — bei konsistenten Annahmen mit identischem Ergebnis. Siehe dcf_bewertung.

Warum die Reihenfolge zählt

Der Rahmen beantwortet eine Frage, die die meiste Bewertungsliteratur offenlässt: in welcher Reihenfolge man was tut. Die Begründung ist ökonomisch, nicht didaktisch — Kennzahlen ohne Branchenkontext sind nicht einordenbar, Prognosen ohne Strategieverständnis sind Fortschreibung, Bewertungen ohne geprüfte Abschlussqualität rechnen mit den Zahlen der Gegenpartei.

Diagnostischer Nebeneffekt

Weil die verschiedenen Bewertungsmodelle in Schritt 6 bei konsistenten Annahmen zum selben Wert führen müssen, wird eine Abweichung zum Diagnosewerkzeug: Sie zeigt inkonsistente Annahmen an, nicht die Überlegenheit eines Modells.

Abgrenzung

  • Kein Ersatz für Urteil. Der Rahmen ordnet die Arbeitsschritte; welche Wettbewerbsvorteile nachhaltig sind, entscheidet er nicht.
  • Schritt 3 bleibt bei Wahlen lehrbuchneutral — die schärfere Version liefert martin_fridson.
  • Schritt 6 bleibt Überblick — die Tiefe liefert aswath_damodaran.