Kennzahlenanalyse¶
Eine Kennzahl ist die Messung eines Prozesses. Ohne den Prozess ist sie eine Zahl ohne Referenz.
Kernidee¶
richard_bull formuliert die Bedingung, unter der Kennzahlenarbeit überhaupt trägt: „Financial ratios only make sense if they can be related to the processes they are intended to measure." Sein Enterprise Stewardship Model liefert die Prozesskarte dazu — eine Kette von Managementprozessen, denen je genau eine Kennzahl zugeordnet ist.
Die Prozesskette (Bull)¶
| Prozess | Kennzahl | Frage |
|---|---|---|
| Funding Management | Gearing Ratio | Wie ist das eingesetzte Kapital finanziert? |
| Asset Management | Asset Turnover | Wie viel Kapazität entsteht aus den Mitteln? |
| Value Add Management | Profit Margin | Wie viel Wert bleibt zwischen Umsatz und Aufwand? |
| Tax Management | Effective Tax Rate | Was bleibt nach Steuern? |
| Growth Management | Payout / Retention Ratio | Was wird reinvestiert, was ausgeschüttet? |
Verbundkennzahlen entstehen erst aus deren Komposition: Return on Assets, Return on Equity, Dividendenrendite. Das ist der DuPont-Gedanke, aber aus der Prozesslogik hergeleitet statt algebraisch zerlegt — mit dem praktischen Vorteil, dass jede Bewegung einer Verbundkennzahl auf einen konkreten Managementhebel zurückführbar bleibt.
Die Investorensicht (Schmidlin)¶
nicolas_schmidlin gliedert dieselben Größen nach Analysezweck:
- Rendite und Profitabilität: Eigenkapitalrendite, Nettomarge, EBIT- und EBITDA-Marge, Kapitalumschlag, Gesamtkapitalrendite, ROCE, operative Cashflow-Marge.
- Finanzstabilität: Verschuldungsgrad, Zinsdeckung, Liquiditätskennzahlen — eine eigene Achse neben der Rentabilität, nicht deren Anhang.
- Bewertungskennzahlen: der Übergang von der Analyse zum Preisurteil.
Jede Kennzahl wird bei ihm mit ihrer Aussagegrenze eingeführt, nicht nur mit ihrer Formel.
Drei Messdimensionen¶
Bulls Unterscheidung der drei „Eff's" ist das Korrektiv gegen die Überdehnung von Kennzahlen:
- Efficiency — der wirtschaftliche Einsatz knapper Ressourcen. Was Kennzahlen im Regelfall messen.
- Effectiveness — wird das Beabsichtigte erreicht? Teilweise messbar.
- Efficacy — ist das Beabsichtigte das Richtige? Kennzahlen schweigen dazu.
Perspektivenabhängigkeit¶
Dieselbe Kennzahl bedeutet für verschiedene Stakeholder Verschiedenes: Die Nettomarge ist für den Kunden ein Preisaufschlag, für den Aktionär eine Renditequelle, für den Mitarbeiter ein Verteilungsspielraum. „Value and success are in the eye of the beholder."
Abgrenzung¶
- Kennzahlen setzen bilanzqualitaet voraus. Aus unbereinigten Zahlen berechnete Kennzahlen sind präzise Antworten auf die falsche Frage.
- martin_fridson hält das mechanische Ausfüllen standardisierter Kennzahlenraster für formal ausreichend, aber wertlos — der Ertrag entsteht mit den Fragen dahinter.
- Kennzahlen beschreiben die Vergangenheit. Die Bewertung braucht die Zukunft; die Brücke ist die Prognose, nicht die Extrapolation.
- Benchmarking braucht Vergleichbarkeit über Rechnungslegungsregime hinweg — der Punkt von thomas_robinson.
Links¶
- richard_bull — Enterprise Stewardship Model, drei Eff's
- nicolas_schmidlin — Kennzahlen aus Investorensicht
- bilanzqualitaet — die Vorbedingung
- dcf_bewertung — wohin die Analyse führt
- werttreiber_cashflow_kapitalkosten — verwandte Werttreiber-Logik
- sechs_schritt_analyse — Kennzahlen als Schritt 4
- abschluss_zu_wert_synthese — Synthese