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Contango & Backwardation

"The shape of the futures curve in any commodity is a proxy for carry. If the futures curve is in contango, then one is short carry when long, and if the curve is in backwardation, then one is long carry." — Gliner (2014)

Definitionen

Contango: Near-Term Futures handeln billiger als Fernfälligkeiten. Normalzustand bei physischen Commodities mit Lager- und Transportkosten. Der Käufer des Front-Contracts zahlt weniger als der Käufer eines Contracts mit späterem Verfallsdatum.

Backwardation: Near-Term Futures handeln teurer als Fernfälligkeiten. Entsteht bei Angebotsknappheit — wer sofort liefern will, zahlt Prämie. Klassisches Beispiel: Kakao-Krise nach Elfenbeinküste-Exportstopp.

Carry-Logik der Futures Curve

Kurvenform Long-Position bedeutet Carry-Effekt
Contango Roll Down = Verlust Negative Carry
Backwardation Roll Down = Gewinn Positive Carry

Beim Roll wird die ablaufende Front-Position in den nächsten Monat gerollt. In Contango kauft man teurer ein als man verkaufte → systematischer Verlust durch Roll. In Backwardation kauft man günstiger → Roll-Gewinn.

Goldbeispiel (Contango): Wer Gold kauft und lagert, verliert Opportunitätskosten (keine Verzinsung) plus Lagergebühren. Diese Kosten spiegeln sich im höheren Futures-Preis für spätere Lieferungen → strukturelles Contango.

Agrarrohstoff-Beispiel (komplex): Corn-Futures zeigen oft beides im Jahresverlauf: 1. Nach der Ernte: Angebot maximal → niedrige Spotpreise, steigende Futures → Contango (Lagerkosten) 2. Vor der nächsten Ernte: Lagerbestände erschöpft, Angebotsengpass → Backwardation (Knappheitsprämie)

VIX-Sonderfall

VIX-Futures handeln üblicherweise in Contango (Markt erwartet höhere zukünftige Volatilität als aktuell realisierte). ETFs auf VIX verlieren daher strukturell durch den Roll. In Stress-Phasen kann der VIX in Backwardation drehen.

Carry-Framework für Commodities (Gliner Systematic Model)

Gliner integriert Contango/Backwardation als eigenständigen Carry-Faktor in systematische Modelle neben Value, Trend und Fundamentals:

Asset-Klasse Carry-Maßnahme
FX LIBOR-Differenzial (Hoch-Yield long, Niedrig-Yield short)
Equities Net Buyback-Adjusted Dividend Yield (Ilmanen)
Fixed Income Carry + Rolldown auf Yield Curve
Commodities Contango/Backwardation der Futures Curve

Saisonalität überlagert die Kurvenstruktur: Commodities reagieren auf Erntezyklen, Wetterbedingungen, OPEC-Entscheidungen. Kombination von Kurvenstruktur + Saisonalität verbessert Carry-Signale.

FX Carry — Verwandtes Konzept

FX Carry (Long Hochzins-, Short Niedrigzins-Währungen) ist strukturell long Carry und ähnelt der Backwardation-Position in Commodities: man erhält die Zinsdifferenz so lange die Positionierung hält. Risiko: identisch. Große Carry Drawdowns:

  • Oktober 1987: −11%
  • Oktober 1998 (LTCM/Russland): −12%
  • Oktober 2008: −11%

Carry-Strategien sind strukturell short Volatilität — sie funktionieren in ruhigen Märkten und kollabieren in Krisen.