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Trading Systems: Secrets of the Masters

Autor: Joe Krutsinger | Jahr: 1997 | Verlag: McGraw-Hill

Ein methodisch ungewöhnliches Buch: Krutsinger hat es nach eigener Aussage nicht geschrieben, sondern zusammengestellt. Er schickte 31 Fragen und ein leeres Tonband an 15 Systementwickler, ließ die Antworten redigieren — und übersetzte anschließend jede Antwort in lauffähigen Code.

Die Entstehungsweise als eigentlicher Beitrag

„This book was assembled, not written in the traditional manner. I sent 31 questions and a blank tape to 15 system developers. […] I read their answers and wrote a trading system or indicator in Omega Research's easy language."

Das ist mehr als eine Anekdote. Es macht das Buch zu einem seltenen Fall, in dem die Lücke zwischen Beschreibung und Implementierung sichtbar wird: Teil 1 enthält, was die Entwickler über ihre Systeme sagen; Teil 2, was daraus tatsächlich als Code wird. Der Abstand zwischen beidem ist die eigentliche Lehre — und der Grund, warum so viele beschriebene Ansätze sich nicht reproduzieren lassen.

Krutsinger benennt die Schwierigkeit selbst: „It was a challenge to construct a trading system from their answers, but it can be done by asking some basic questions."

Kernthesen

  • Ein Handelssystem hängt so sehr am Stil des Händlers wie an seinem Marktwissen. Krutsingers Beobachtung nach der Auswertung: Die 15 definierten den Begriff „Handelssystem" auf sehr verschiedene Weise. Dasselbe Ergebnis, das 2026-07-26_schwager_unknown_market_wizards 23 Jahre später für diskretionäre Händler findet.
  • Systeme veralten, und die Entwickler wissen das. Ein eigener Teil des Fragebogens zielt darauf, wie sie ihre erfolgreichen Systeme vor dem Abnutzen bewahren — eine Frage, die die Backtest-Literatur der Zeit weitgehend ausließ.
  • Händler geben Geheimnisse ungern preis. Krutsingers Ausgangsdiagnose und zugleich die Begründung für das Fragebogenformat: Es zwingt zu Konkretion, wo ein Interview Ausweichen erlaubt.
  • Die gezeigten Ergebnisse sind simuliert, nicht gehandelt. Der Verlagsdisclaimer sagt es ausdrücklich — „designed with the benefit of hindsight". Für ein Buch von 1997 ist diese Offenheit bemerkenswert; sie nimmt vorweg, was später unter system_testing_overfitting systematisiert wurde.

Die Befragten

Michael Connor, Nelson F. Freeburg, Lee Gettess, Cynthia A. Kase, Glenn Neely, Jeffrey Roy, Richard Saidenberg, Randy Stuckey, Gary Wagner, Bill Williams, larry_williams und weitere.

Das Buch ist Larry Williams gewidmet, den Krutsinger als „the greatest system developer of all time" bezeichnet und dem er die Systementwicklung zuschreibt: „Larry taught me how to write trading systems, along with thousands of other people."

Bewertung

Für wen: Wer Systeme selbst baut und den Übergang von der Idee zur Regel als das eigentliche Problem erkannt hat. Historisch außerdem als Zeitdokument der frühen TradeStation-Ära.

Stärken: Das Format erzwingt Vergleichbarkeit — 15 Entwickler, dieselben 31 Fragen. Die Kopplung von Aussage und Code macht überprüfbar, was sonst Behauptung bleibt. Die Offenlegung der simulierten Herkunft aller Ergebnisse ist für 1997 ungewöhnlich ehrlich.

Schwächen: Der Code ist in EasyLanguage für eine Plattform von 1997 — praktisch nicht mehr direkt verwendbar. Die Systeme selbst sind einfach und ohne moderne Validierung (kein Walk-Forward, keine Out-of-Sample-Trennung im heutigen Sinn); als Vorlage taugen sie nicht, als Anschauungsmaterial schon. Die Auswahl der Befragten ist eine Bekanntenrunde, keine Stichprobe.